Britta Bonten ● 7.12.2020

Welche digitalen Kompetenzen brauchen wir?

Welche Digitalkompetenzen brauchen wir heute und morgen? Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen schaffen, damit die Beschäftigten digital kompetent und gut miteinander arbeiten können?

Wo Digitalisierung ihre Grenzen hatte und wo diese durchlässiger waren, hat die jüngste Krise ans Licht gebracht. Sie zeigt uns ebenso, wie wir als NutzerInnen mit dem digitalen Leben in Beruf und Alltag zurechtkommen. Seit einer gefühlten Ewigkeit wird von allen Seiten DIE Digitalisierung gefordert. Nur: Verfügen wir überhaupt über die dafür notwendigen Fähigkeiten? Was meinen wir mit „digital kompetent“?

Die erzwungene Turbo-Digitalisierung 2020

Hand aufs Herz: Haben Sie im März dieses Jahres gedacht, Sie würden Ihre Kinder als Teilzeit-Lehrkraft unterrichten? Oder haben Sie gedacht, durch digitale Teammeetings in Wohnlandschaften und improvisierte Homeoffices Ihrer KollegInnen und Vorgesetzten zu blicken? Egal wie wir Lockdowns persönlich empfinden – Was hätten wir in den letzten Monaten ohne digitale Medien getan? Ob wir unserem Freundeskreis oder den KollegInnen dauerhaft ausschließlich in Kachelgröße begegnen möchten, ist zu bezweifeln. Vermutlich wären viele noch isolierter und deprimierter als sie es ohnehin schon waren oder sind.

Aus der Not wurde eine Tugend gemacht – binnen weniger Wimpernschläge wuchs die digitale Landschaft um uns herum: Überall gibt es Homeschooling, Homeoffice, Videokonferenzen, digitale Messen und sogar die mächtigsten Polit-Akteure treffen sich in digitalen Räumen. Nach anfänglichen Technikhürden bei Zoom & Co. wie „Kannst du mich hören?“ oder eines überrumpelten WLANs aufgrund zeitgleicher Homeoffice- und Homeschooling-Aktivitäten aller Haushaltsmitglieder, hat sich all das mittlerweile fast überall eingespielt.

Neuer Call-to-Action

Für die meisten von uns ist die erzwungene Turbo-Digitalisierung ein Fortschritt, für manche zugleich eine persönliche Herausforderung. Ich behaupte, wir sind seit März 2020 generell digital geübter, was aber noch lange nicht für alle Teile der Gesellschaft gilt. Wie sollen vor allem SchülerInnen digital kompetent werden, wenn sie keinen Zugang zu digitalen Medien haben? Gerade diese Kompetenzen zu entwickeln ist für die berufliche Qualifikation enorm wichtig. Bei der heutigen Personalauswahl wird inzwischen häufig von „den“ digitalen Kompetenzen gesprochen, aber welche sind genau DIE digitalen Kompetenzen und was bedeutet „digital kompetent“? Schauen wir auf zwei Erklärungsansätze.

Nr. 1: „Digitale Kompetenzen“ – europäisch gedacht

Zu ihrem 80. Geburtstag schenkten wir unserer Mutter ein Tablet. Wir brachten ihr ein paar Basics bei und so schickte sie uns wöchentlich Fotos per E-Mail, reichlich garniert mit Emojis. Laut Europäischer Kommission gilt sie damit als „digital kompetent“ – jedenfalls zu einem gewissen Grad. Wenn wir schon für die Krümmung der Gurke europäische DIN-Normen haben, gibt es doch bestimmt eine DIN-Norm für Digitalkompetenzen? Ganz so schlimm ist es glücklicherweise nicht – statt einer DIN-Norm handelt es sich um ein Rahmenmodell. Es trägt den vorläufigen Namen DigCom2.1.The Digital Competence Framework for Citizens! und ist ein Konzept für digitale Kompetenzen europäischer BürgerInnen, das 2013 veröffentlicht wurde. Das Thema europäisch auf einen Nenner zu bringen (etwa in Anlehnung an die Einstufung beim Sprachenerwerb A1-C2), ist sicherlich gut gemeint, aber haben Sie schon einmal davon gehört? Ich vermute, so manch ein Betrieb oder Unternehmen auch noch nicht.

DigCom2.1 soll die Grundlage sein für Weiterbildung, lebenslanges Lernen und Beschäftigung in einer digitalisierten Gesellschaft in Europa. Klingt ambitioniert. Doch welche digitalen Kompetenzen sind das, die Unternehmen helfen, ihre Produkte und Dienstleistungen digital am Markt zu positionieren? Oder die ihre Beschäftigten für die Digitalisierung qualifizieren und mit denen man Personal findet?

DigCom2.1 unterscheidet fünf Kompetenzbereiche mit insgesamt 21 digitalen Kompetenzen:

  • Information und Innovation (3): Datensuche und -Filterung, -Verarbeitung, -Bewertung

  • Kommunikation und Projektmanagement (6): Kommunikation über digitale Technologien, Teilen von Inhalten über Medien, Bürgerbeteiligung via Medien, Zusammenarbeit auf Basis digitaler Medien, Netiquette, Steuern der digitalen Identität

  • Erstellung von digitalen Inhalten (4): Entwicklung von digitalem Inhalt, Inhalte integrieren und wiederverarbeiten, Copyright und Lizenzen, Programmierung

  • Sicherheit (4): Schutz von Geräten, Schutz der eigenen Daten und Privacy, Schutz von Gesundheit und Wohlergehen, Umweltschutz

  • Problemlösung (4): Lösen technischer Probleme, Identifikation von Bedarf und technologischen Antworten, digitale Technologien kreativ einsetzen, Identifizieren digitaler Kompetenzlücken

Um verschiedene Erfahrungs- und Wissensstufen zu berücksichtigen, sind diese Kompetenzen zusätzlich in acht Kenntnislevel eingeteilt. So sollen die digitalen Kompetenzen messbar und vergleichbar werden, wenn KandidatInnen durch Weiterbildungsmaßnahmen von einer Stufe zur nächsten gelangen wollen. Eine grundsätzlich gute Idee.

E-Learnings Digitalkompetenzen

Fraglich ist nur, ob diese Kompetenzen für alle Betriebe gleich relevant sind, ob sie den Firmen nutzen und inwieweit sie für alle Branchen gültig sein können – abgesehen von der Frage, ob es nicht auch länderspezifische Unterschiede gibt. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Rahmenkonzept anwendbar wird, wenn Betriebe noch verzweifelter nach „Personal mit digitalen Kompetenzen“ suchen und ob sich das europäische Konzept als Grundlage für digitale Kompetenzen in Organisationen durchsetzen wird. Denn das war das erklärte Ziel (siehe oben). Nur so richtig viral ging das bislang nicht...

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Nr. 2: „Digitale Kompetenzen“ à la Berlin

Der sogenannte D21-Digital-Index misst im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums seit 2013 jährlich den Digitalisierungsgrad der deutschen Bevölkerung (ab 14 Jahren) mit nur einer Kennzahl.

Dabei sind vier Parameter entscheidend: Neben Zugang, Nutzungsverhalten und Offenheit für Neues, wird die digitale Kompetenz erfasst, die als Wissensaneignung bei digitalen Themen verstanden wird. (Anm.: Seit 2013 steigt sie beständig an und ist mit 58 von 100 Punkten im Vergleich zu den Jahren 2018 und 2019 um drei Punkte gestiegen.)

Der D21-Digital-Index benennt folgende digitale Kompetenzen:

Nutzung Smartphone:

  • Datenschutzeinstellungen verwalten

  • Fotos machen und versenden

  • Nachrichten versenden

  • Apps installieren und Updates durchführen

  • Werbeanzeigen erkennen

Klassische Computeranwendungen:

  • Dateien übertragen

  • Office-Anwendungen nutzen

  • anderen bei Computerproblemen helfen

  • Webanwendungen gestalten

  • Programmieren

Internetnutzung:

  • unterschiedliche Passwörter gebrauchen

  • seriöse von unseriösen Nachrichten unterscheiden

  • Bewusstsein, dass Dienste u. U. Daten weitergeben

  • sensibler Umgang mit persönlichen Daten

  • Recherchen durchführen

  • unterschiedliche Quellen bei Recherche nutzen

  • Inhalte in soziale Netzwerke eingeben

Die drei gewählten Bereiche sind schon grundsätzlich in Frage zu stellen (warum werden Tablets nicht berücksichtigt?) Zudem ist die ein oder andere Zuordnung zweifelhaft. Hier eine kleine Auswahl: Inhalte in sozialen Netzwerken werden inzwischen oft „mobil“ eingegeben, der Punkt zählt aber zu Internetnutzung. Was ist mit „Dateien übertragen“ gemeint – copy and paste? Fraglich ist auch, ob die genannten Kompetenzen die tatsächlichen Fähigkeiten der Menschen abbilden – denken wir zum Beispiel an Stories posten, Bilder bearbeiten, Back-ups erstellen, Videos erstellen und teilen, Cloud-Dienste nutzen, um nur ein paar fehlende Kompetenzen zu nennen...

Digitale Kompetenz: kleinster gemeinsamer Nenner ist „digital“

Abgesehen von den erwähnten Unzulänglichkeiten der beiden Modelle, wird eines klar: Jemand, der digitale Medien auch nur ansatzweise nutzt, wie zum Beispiel im Internet recherchiert, E-Mails verschickt usw., gilt bereits als digital kompetent. Die in den Studien genannten Skills sind offensichtlich der kleinste gemeinsame Nenner. Sie spiegeln weder den praktischen Bezug zur Arbeitswelt wider noch sind sie geeignet, um Orientierung für Recruiting- und PE-Maßnahmen zu geben. Je nach Alter der Beschäftigten, Beruf, Branche, Rolle, Zugang zu Medien, Ausbildung usw. variieren die digitalen Anforderungen erheblich. So werden Beschäftigte eines IT-Unternehmens andere digitale Kompetenzen haben (müssen) als die eines Maschinenbaubetriebs, einer Reiseagentur oder eines Handwerksbetriebs. Während die Digitalisierung mit Raketenschub unseren Alltag durchkreuzt, versuchen Behörden und Institutionen zu langsam, mit Konzepten und Verordnungen Schritt zu halten...

Fazit:

Grafik DigitalisierungDigitalisierung verfolgt keinen Endzustand, sondern ist ein dauerhafter Prozess. Infolgedessen ändern sich auch die Anforderungen an digitale Kompetenzen. Leider gibt es keinen zeitgemäßen Konsens, was genau DIE digitalen Kompetenzen für den aktuellen Arbeitsmarkt sind, der zusätzlich für Betriebe umsetzbar wäre. Es fehlen ebenso praktische Leitplanken für Unternehmen, ihre Beschäftigten bei digitalen Kompetenzen weiterzubilden. DIE digitalen Kompetenzen sind demnach abhängig von Land, Branche, Unternehmenstyp, -Größe, Arbeitsrolle usw. Unternehmen werden ihren Mitarbeitenden vermehrt individuelle Formate wie Blended Learning oder eLearning anbieten, die angepasst an die neuen Arbeitsmodelle (remote, Homeoffice) geeignete Personalentwicklungsmaßnahmen darstellen.

Wir werden auch weiterhin neue digitale Programme, Systeme und Apps kennenlernen und (soziale) Medien werden uns mit unbekannten Formaten begegnen. Wir selbst werden uns weiterbilden müssen, wollen wir aktiv am Arbeitsgeschehen teilhaben. Alles ist im Fluss und wird unser (Arbeits-)Leben konstant verändern. Such is life! Was uns Halt und Stabilität dafür gibt, ist etwas Konstantes; etwas, das uns angeboren ist; dass wir aus (und seit) Kindertagen kennen: die Lust am Lernen und Neues zu entdecken. Nutzen wir diesen Antrieb.

New Work, Learning and Development